Susan Philipsz - The Voices - Haus der Geschichte Österreich
Kunstprojekte

The Voices - Susan Philipsz ab März am Heldenplatz

Der Ort

2018 jährt sich der „Anschluss“ Österreichs an das nationalsozialistische Deutsche Reich zum 80. Mal.

Den Ort, an dem Adolf Hitler am 15. März 1938 unter frenetischem Massenjubel den „Eintritt“ Österreichs in das Deutsche Reich verkündet hat, den Ort, der zur audiovisuellen Ikone für die Mitverantwortung eines Teils der ÖsterreicherInnen an der Errichtung der NS-Terrorherrschaft wurde, den Ort, der wie kein anderer durch politische Kundgebungen und öffentliche Ansprachen von auditvier Erinnerung geprägt wurde – diesen Ort und diesen historischen Hintergrund hat das Haus der Geschichte Österreich zum Anlass genommen, die renommierte schottische Künstlerin Susan Philipsz (*1965, Glasgow) einzuladen, eine künstlerische Arbeit für den Altan der Neuen Burg zu entwickeln.

Heldenplatz, Foto: Stefan-Fuhrer
Heldenplatz, Foto: Stefan-Fuhrer

Das Haus der Geschichte Österreich erachtet es als zentrale Aufgabe ein Zeichen zu setzen für eine reflektierte und kritische Auseinandersetzung mit der österreichischen Geschichte – im Sinne eines gleichzeitigen Blicks nach vorn. „Denn nur mit einem geschärften Blick für das Vergangene lässt sich die Gegenwart begreifen und damit die Zukunft sinnvoll gestalten.“, so Dr. Monika Sommer, die Direktorin des Hauses der Geschichte Österreich. „Der Heldenplatz“, so Sommer weiter, „ist durch Adolf Hitlers Rede einerseits ein Symbol für Unterdrückung, Diktatur und Mitschuld an der NS-Terrorherrschaft. Auf der anderen Seite ist er im Laufe der Jahre durch Aktionen wie z.B. das Lichtermeer gegen Fremdenfeindlichkeit im Jahr 1993 ein Platz der demokratischen Protestkultur geworden.“ Die künstlerische Arbeit von Susan Philipsz sieht die Direktorin als „in seiner Fragilität besonders starkes Zeichen, das eine Bereicherung des öffentlichen Raumes darstellt.“

„Der Heldenplatz steht wie kein zweiter Platz in Österreich für die wechselvolle Geschichte des Landes“

Susan Philipsz verknüpft in ihren Arbeiten Geschichte und Gegenwart, Raum und Klang – Letzteres ist das zentrale Medium ihres Werks. In der Verbindung zu historischen Ereignissen schafft sie so Resonanzräume für Erinnerungen und Emotionen. Die von ihr erarbeitete Klanginstallation für den Heldenplatz erzeugt eine feinfühlige, unsichtbare und doch eindringliche Markierung des Ortes als zentralem Gedächtnisort der österreichischen Zeitgeschichte. Sie regt zum Innehalten, zur Reflexion und zur Diskussion an. Das vielschichtige Werk , das zwei Mal täglich, um 12:30 und um 18:30 zu hören sein wird, nimmt Metaphern von Stimme, Klang, Vibration, Fragilität und Glas zum Ausgangspunkt, um eine klanglich-räumliche wie inhaltliche Verbindung und zugleich Gegenüberstellung zweier architektonischer Kontrapunkte am Platz zu erzeugen: der Altan der Neuen Burg als Symbol für die Mitverantwortung von Teilen der österreichischen Diktatur an der NS-Terrorherrschaft und demgegenüber die Parlamentspavillons bzw. das Demokratiequartier, die für eine demokratische Gesellschaft stehen. Und genau hier liegen die zentralen gesellschaftlichen Herausforderungen sowohl der Vergangenheit als auch von Gegenwart und Zukunft.

Warum Susan Philipsz?

Die Jury bestehend aus: Kasper König (Initiator Skulptur Projekte Münster), Stella Rollig (Generaldirektorin Österreichische Galerie Belvedere) Monika Sommer (Direktorin Haus der Geschichte Österreich) und Thomas D. Trummer (Direktor Kunsthaus Bregenz) haben die Entscheidung für Susan Philipsz für die Intervention am Heldenplatz gemeinsam gefällt.

Haus der Geschichte: Susan Philipsz – The Voices (ab 12.3.2018) Foto: eSeL.at – Lorenz Seidler

 

 

Zu den Werken, die sie bisher realisiert hat, zählen u.a. die Staatliche Kunstsammlungen Dresden (2018), die Einzelausstellung Night and Fog (2016) im Kunsthaus Bregenz sowie die Arbeit Slow, Fresh Fount (2015) im Bergwerk Altaussee. In unmittelbarer Nähe zum Heldenplatz setzte sie die Arbeit War Damaged Musical Instruments (Pair) (2015) im Rahmen einer Ausstellungsreihe des Kunsthistorischen Museums Wien im Theseustempel im Volksgarten um. 2010 erhielt Philipsz mit einem Lied als erste Sound-Bildhauerin den „Turner Prize“, die höchste Kunst-Auszeichnung, die in Großbritannien vergeben wird. Susan Philipsz arbeitet mit dem Künstler Eoghan McTigue zusammen und hat aktuell eine Gastprofessur am Royal Institute of Art in Stockholm inne.

Ein weiteres, wesentliches Merkmal ihrer künstlerischen Praxis ist ihr ortsspezifischer Zugang,  den die konkrete Bezugnahme auf die den jeweiligen Orten zugrunde liegenden Begebenheiten und Geschichten.

„Susan Philipsz schafft durch die Klanginstallation in seiner Fragilität ein besonders starkes Zeichen, das eine Bereicherung des öffentlichen Raumes darstellt.“

Ursprünglich als Bildhauerin ausgebildet, setzt Susan Philipsz in ihren Arbeiten unterschiedliche Medien ein – darunter Musik, Stimmaufnahmen, Objekte, Film, Fotografie und Text. Klänge jedoch – sowohl Stimme als auch Instrumentalmusik – spielen die wesentliche Rolle in Philipszs Werken. Gerade in Zusammenhang mit der Erarbeitung einer Intervention für den Altan am Heldenplatz, der stark von auditiver Erinnerung geprägt ist, erscheint ein Zugang über dieses Medium den Anforderungen an ein künstlerisches Werk an diesem Ort mehr als gerecht zu werden. Ihre Klangräume, die sie mit Methoden von Verdichtung und Dehnung, von Verschiebung und Vermehrung zur Entfaltung bringt, sind letztlich in der Lage, Persönliches und Gesellschaftspolitisches, Vergangenes und Gegenwärtiges auf engste Weise zu verweben und neue Erfahrungsräume zu eröffnen.

Die Klanginstallation – The Voices  

Den Klangraum erzeugt die Künstlerin durch langsames Reiben der Ränder von vier unterschiedlich gefüllten Kristallstielgläsern, die einen ätherischen, kristallinen Klang hervorbringen. Nähert man sich dem Heldenplatz, erklingen zunächst kaum wahrnehmbare Töne, die leicht durch den Raum zu schweben scheinen. Sie vermischen sich mit dem Klang vorbeifahrender Straßenbahnen, den Menschen, dem Verkehr.

 

Susan Philipsz, The Voices, Heldenplatz Wien
Susan Philipsz, The Voices, Copyright: Eoghan McTigue

Der Klang verschiebt sich kontinuierlich, umkreist die ZuhörerInnen; die Töne verschmelzen miteinander und erzeugen eine fühlbare und zugleich nicht gänzlich definierbare Spannung. Der Klang, der sich erhebt und wieder abebbt, gemahnt an die menschliche Stimme und nimmt damit sowohl Bezug auf den Ort als Platz von Ansprachen und Kundgebungen, als auch auf die Stimmen jener, die die Geschichte ausgeblendet und zum Schweigen gebracht hat. Im Motiv von Vibration und Glas stellt die Arbeit wiederum Verbindungen her zu frühen Mikrofon- und Radioempfangstechnologien, die häufig mit Glas- und Kristallelementen versehen waren um Qualität zu präzisieren – ein wesentliches Instrument politischer Meinungsmache, aber auch Propaganda. In diesem Kontext lässt sich auch der Einsatz von Funk lesen, der im Werk zum Einsatz kommt, um den Klang zwischen den Gebäuden zu übertragen.

„Das ist wertvoll und unerlässlich, denn der größte Schrecken – neben dem Vergessen – ist das Verstummen.“

Letztlich geht es darum, die Spannungen, die sich an diesem Ort kristallisieren, fühl- und erlebbar zu machen. Der Klang wird zur Metapher des Aushandlungsprozesses zwischen widerstreitenden wie sich ergänzenden, hörbaren wie zum Schweigen gebrachten Stimmen – die in ihrer Polyphonie für das Wechselspiel zwischen Individuum und Gesellschaft, Vergangenheit und Gegenwart, Vergessen und Erinnern stehen.

Thomas D. Trummer, beschreibt die Klanginstallation eindringlich, wenn er sagt: „Das Kristalline speichert den Klang wie die Erinnerung die Gestimmtheit. Klänge fordern ein Vernehmen ein, das heißt eine Vergegenwärtigung im eigenen Empfinden. Es ist das Hören, durch das sich Geschichte in der Gegenwart aktualisiert. Es sind die Stimmen, die diese Erinnerungen buchstäblich hervorrufen. Das ist wertvoll und unerlässlich, denn der größte Schrecken – neben dem Vergessen – ist das Verstummen.“

 

Werkdetails:

Susan Philipsz

The Voices, 2018

Heldenplatz Wien

Vierkanal-Klanginstallation, Funkübertragung

12. März–12. November 2018, täglich um 12.30 und 18.30 Uhr

Den Link zum Download des Booklets zur Künstlerischen Intervention mit Geleitworten von Bundespräsident Dr. Alexander Van der Bellen, Bundekanzler Sebastian Kurz, Bundesminister Mag. Gernot Blümel, MBA, Texten von Heidemarie Uhl und Thomas D. Trummer, einem Interview mit der Künstlerin, geführt von Eva Meran finden Sie HIER.