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Credit: eSeL.at - Lorenz Seidler
Grußworte der Frau Bundeskanzlerin Dr. Brigitte Bierlein
anlässlich der Eröffnung der Ausstellung ”Nicht mehr verschüttet. Jüdisch-österreichische Geschichte in der Wiener Malzgasse” am 7. November 2019 im Haus der Geschichte Österreich

 

Sehr geehrte Exzellenzen,

Sehr geehrte Frau Direktorin,

Sehr geehrter Herr Präsident,

Sehr geehrter Herr Generalsekretär,

Sehr geehrte Ehrengäste,

 

„Nicht mehr verschüttet. Jüdisch-österreichische Geschichte in der Wiener Malzgasse.“ Allen, die an diesem Projekt mit gearbeitet haben, gilt nicht nur mein persönlicher Dank, sondern der Dank der Republik Österreich.

 

Dank dafür, dass Sie Schicksalen mit Gegenständen ein Gesicht geben;

Dank dafür, dass Sie dem „Niemals vergessen“ einen weiteren Ort des Erkennens, des Begreifens, des Erinnerns hinzufügen!

 

Ich habe gestern die Gedenkstätten Mauthausen und Schloss Hartheim besucht und das, was dort dokumentiert ist übersteigt die menschliche Vorstellungskraft und ist ewige Mahnung.

 

Bedauerlicherweise waren viele Jahrzehnte von Verdrängen und Vergessen geprägt.

 

Dieser Umgang bedeutete auch Verdrängung der Verstrickungen vieler Österreicherinnen und Österreicher in die grauenvollen Verbrechen der 1930er und 40er Jahre.

 

Es gibt weder Wiedergutmachung noch eine Entschuldigung für das Geschehene –sechs Millionen Tote sind durch nichts zu entschuldigen.

 

Es gibt auch keine Entschädigung für verlorene Leben, verlorenen Besitz, verlorene Heimat, für erlittene Qualen und für millionenfache Angst und Erniedrigung.

 

Das heißt aber nicht, untätig bleiben zu dürfen:  

 

Mit dem Nationalfonds, mit dem Entschädigungsfonds und mit dem Zukunftsfonds hat die Republik Österreich – spät, aber doch – ernsthafte Gesten zur wenigstens symbolhaften Abgeltung der Ansprüche von Opfern und zur Sensibilisierung der Gesellschaft gegen Hass, Verhetzung und Antisemitismus gesetzt.

 

Gerade meine Generation trägt besondere Verpflichtung zur Aufarbeitung der Geschichte.

 

Ich bin immer wieder aufs Neue beeindruckt, wenn jene, die – oft mit knapper Not – der Nazi-Barbarei entkommen sind, trotz allem mit unglaublich viel Kraft und Vision ihr Leben mit Optimismus und Nächstenliebe leben.

 

Menschen, die direkte Zeugenschaft über die Shoa ablegen können, werden immer weniger. Vor wenigen Wochen ist Marko Feingold von uns gegangen. Er hat sein langes Leben dem Erzählen und dem Sensibilisieren der Jugend für die Gefahren des Totalitarismus und Faschismus gewidmet. Ganz im Sinne eines anderen Opfers der Shoah, Viktor Frankl, der betont hat: „Trotzdem Ja zum Leben sagen!“

 

Wir haben die Verpflichtung, die wichtige Arbeit der überlebenden Opfer der Shoa weiterzuführen – vor allem, wenn sie nicht mehr unter uns sind!

 

Aber am Beginn des Verzeihens steht das Erinnern. Erinnern heißt auch, die Dinge beim Namen zu nennen. Diese Haltung ist für uns angesichts der Zeitgeschichte verpflichtend.

Die Malzgasse 16 ist Teil der österreichischen Identität. Sie steht für das Erinnern, besonders an die ganz jungen Opfer des Holocaust. Dort befand sich eine Talmud-Thora Schule, später eine Synagoge und das weltweit erste jüdische Museum. Alles fiel den Nationalsozialisten und Reichspogromen zum Opfer. Die Malzgasse war dann Sammellager für die Deportation von österreichischen Jüdinnen und Juden und tragischer Ausgangspunkt für Hass, Vertreibung und Mord.

 

Die Geschichte der Malzgasse macht uns betroffen. Betroffen in einem Sinne, dass jede und jeder weiß: Es geht auch mich etwas an.

 

Ja, es geht jeden von uns etwas an, was in der Shoa passiert ist. Völlig unabhängig von Konfession oder Herkunft. Und es liegt in unser aller Verantwortung, Fremdenhass und Antisemitismus, der tragischer Weise auch heute noch existiert, aufs schärfste zu bekämpfen.

 

Als Bundeskanzlerin der Republik Österreich ist es mein größtes Anliegen, das friedliche Miteinander und das Gemeinsame vor alles andere zu stellen. 

 

Ich danke nochmals allen Beteiligten, insbesondere dem Schulverein Machsike Hadass, für Ihre Arbeit und Ihre Zeit, die Sie dem Erinnern widmen - und Danke, dass Sie dieses wichtige Erinnern so sehr mit Leben erfüllen!

 

Es wird helfen, dass wir auch weiterhin sagen dürfen: „Niemals wieder!“

(es gilt das gesprochene Wort)