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eSeL.at - Lorenz Seidler
Wie macht man Musik sichtbar? Wie wird Gedenken barrierefrei?
Zur Klanginstallation von Susan Philipsz am Heldenplatz.

In Österreich fand dieses Jahr die allererste Disability Pride Parade statt. In vielen Ländern werden bereits seit Jahren durch die Pride Parades Menschen mit Behinderungen in ihrer Vielfalt und Lebendigkeit im öffentlichen Raum sichtbar.
Menschen mit Behinderungen waren während des nationalsozialistischen Regimes vielfältigen Bedrohungen ausgesetzt und wurden nicht nur gemäß des „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ zwangsweise sterilisiert, sondern auch getötet, meist im Kontext von medizinischen oder „betreuenden“ Einrichtungen (siehe https://www.bizeps.or.at/wissenswertes/wertes-unwertes-leben).
Die Kundgebung der ersten Wiener Disability Pride fand am 21. Juni 2018 am Heldenplatz in Wien statt und weil die derzeit dort hörbare Installation zum Gedenken an das Jahr 1938 auch für Menschen mit Behinderungen von Bedeutung ist, wurde sie ins Programm der Disability Pride Parade aufgenommen.
Einer der Organisatorinnen war bewusst, dass visuell orientierte Menschen mit Hörbehinderungen die subtile Installation nicht wahrnehmen werden. So kam es, dass ich kontaktiert und um eine kreative Lösung ersucht wurde.

Ich bin Gebärdensprachlinguistin an der Universität Wien und habe unter anderem ein Forschungsprojekt zu „Gehörlosen ÖsterreicherInnen im Nationalsozialismus“ geleitet. Im Rahmen dieses Projekts erzählten 24 gehörlose ZeitzeugInnen in Österreich und den USA aus der Zeit des NS-Regimes und es entstanden 8 thematisch geordnete Filme in Österreichischer Gebärdensprache. Seither gibt es Wissen darüber, wie es der Gehörlosengemeinschaft zwischen 1938 und 1945 ergangen ist.

Gedenkraum im Kopf eröffnen

Ich sagte der Disability Pride sofort zu, da ich weiß, dass gehörlose Menschen im Gedenken oft fehlen und es mir ein großes Anlegen ist, auch gehörlosen Menschen barrierefreie Zugänglichkeit zu gewährleisten – und auch, weil ich diese Arbeit von Susan Philipsz sehr schätze. Die Klänge sind abstrakt und stellen eine Anregung dar ohne vorzuschreiben, was man denken oder fühlen soll. Die Klanginstallation ermöglicht es, sich konzentriert dem Thema zu widmen und lässt zugleich Platz für die eigenen Gedanken. Die schwebenden, von überall zugleich kommenden Klänge sind zwar subtil, aber nicht neutral oder lieblich, sondern vermitteln durchaus etwas Bedrohliches.

„Den Tönen haftet dabei etwas Banges und Vorläufiges an. Sie sind wie Teststreifen, die als akustische Probanden tiefer liegende Gedächtnisregionen ansprechen oder unliebsame Reaktionen im Inneren hervorkehren. Dabei sind sie wie die Erinnerungen niemals klar und deutlich, aber in ihrer Wiederholung eindringlich und wider das Vergessen. Es sind Töne, die sich der Erkennbarkeit entziehen, dafür umso mehr beunruhigen und behelligen.” - Thomas D. Trummer

Der Künstlerin war es außerdem ein Anliegen, eine „Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart“ zu schaffen (https://www.hdgoe.at/susan-philipsz-im-gespraech-mit-eva-meran).
Aber, so fragte ich mich dann, wie setzt man abstrakte, subtile, bedrohliche Klänge zum Thema März 1938 am Heldenplatz visuell um? Wie macht man visuell klar, worum es geht, ohne ZuseherInnen vorzugeben, was sie zu denken haben? Wie bleibt man subtil, während es keinen Zweifel geben darf, wie man als Autorin des Videos zur Machtergreifung der Nationalsozialisten in Österreich positioniert ist?
Ich habe für das Begleitvideo zur Klanginstallation sowohl historisches Material als auch Bilder aus der Gegenwart gemischt. Ich habe Menschen, die über einen Platz gehen und verfremdete Aufnahmen der Elemente (Wasser, Feuer, Licht) gemischt. Dies hilft dabei, einerseits das Thema – nämlich Menschen und ihr Verhalten, ihre Betroffenheit und auch ihre Verletzbarkeit – deutlich zu machen, andererseits den ZuseherInnen während der abstrakten Bewegungen und Bilder Platz zum Reflektieren zu lassen. Und ich habe – so wie Philipsz – an „Stimmen“ gedacht, jedoch sind es im Video ganz konkrete Sätze, die von gehörlosen ZeitzeugInnen gebärdet werden. Diese Sätze kann nur verstehen, wer Österreichische Gebärdensprache und American Sign Language beherrscht. Und sie sind sehr verlangsamt wiedergegeben, teilweise nur 60% der originalen Gebärdengeschwindigkeit. So entsteht eine Verfremdung, die eine surreale Qualität hat, etwas Einprägsames, ohne jedoch den faktischen Inhalt des Gebärdeten in Zweifel zu ziehen. Die ernsten Gesichter der gebärdenden Menschen sprechen eine eigene Sprache.

Link zum – für Menschen ohne Gebärdensprachkompetenz adaptierten – Video mit deutschen Untertiteln.

Gedenken für alle Menschen mit Behinderungen

Das inhaltlich und musikalisch vielfältige Programm der Disability Pride wurde am 21. Juni um 18.30h für 10 Minuten vollkommen unterbrochen und die Aufmerksamkeit auf die über dem Platz schwebenden Klänge von Susan Philipsz gelenkt. Gleichzeitig wurde auf einer Videowall der begleitende Film gezeigt, der für gehörlose Menschen als eigenständige Gedenkinstallation funktioniert, für hörende Menschen jedoch als visuelle Begleitung des akustischen Werks von Susan Philipsz.

 

Mag.a Dr.phil. Verena Krausneker
arbeitet seit 20 Jahren in der Gebärdensprachenforschung, vorrangig zu Bildungsaspekten und zu Gebärdensprachenpolitik. Seit 2002 Lehrt sie an der Universität Wien (Institut für Sprachwissenschaft und Institut für Bildungswissenschaft). 2007 und 2015 arbeitete sie als Vertretungsprofessur am Institut für Deutsche Gebärdensprache der Universität Hamburg. Neben der akademischen Forschung und Lehre war und ist sie immer auch im NGO-Bereich tätig-

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