Warum ein Sektkorken mehr sein kann als ein Flaschenverschluss - Haus der Geschichte Österreich
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Warum ein Sektkorken mehr sein kann als ein Flaschenverschluss

Warum ein Sektkorken mehr sein kann als ein Flaschenverschluss

Die Unterzeichnung des Österreichischen Staatsvertrags aus einer anderen Perspektive

„Die Außenminister der vier Großmächte waren mehr als einmal erfolglos an einem Tisch versammelt. In Berlin, in Paris, in Moskau, in London. Aber hier in Wien unterschreiben sie nun gemeinsam ein Dokument, das mit seinen Siegeln Symbol des Beginnens einer neuen Ära in den Beziehungen zwischen den Westen und dem Osten gelten kann.“ (Austria Wochenschau 44/1955)

Der 15.05.1955 markiert das Ende langer Verhandlungen um Österreichs Eigenständigkeit und wurde von tausenden begeisterten Schaulustigen vor dem Belvedere in Wien freudig begrüßt und bejubelt. Er sollte auch für Michael Schantl ein prägendes Ereignis bleiben, das ihn viele Jahre lang begleiten sollte.

Michael Schantl wurde im Mai 1913 in Tausendblum geboren. Nach einer Lehre diente er im Bundesheer der Ersten Republik. Nach dem Anschluss wurde er in die Deutsche Wehrmacht übernommen. Er geriet in amerikanische Kriegsgefangenschaft, aus der er 1946 nach Österreich zurückkehrte. Der Neubeginn gestaltete sich schwierig: nach mehreren unterschiedlichen Anstellungen nahm er schließlich eine Anstellung in Unterrichtsminiserum an, die er bis zu seiner Pensionierung inne hatte.

Im Rahmen seiner Tätigkeit im Bildungsministerium wurde er als Aufseher  im Mai 1955 in das Belvedere bestellt, wo die feierliche Unterzeichnung des Staatsvertrags stattfinden sollte.

Nur wenige Wochen vor dem Staatsakt erfuhr Schantl, welchem Großereignis er beiwohnen durfte. Michael Schantl war für die Abholung der Möbel zum Staatsakt zuständig, die aus dem Hofmobiliendepot angeliefert wurden. Überrascht war er, als er feststellen musste, dass der angeforderte Teppich für den Festsaal zu klein war, da die äußeren Sessel nicht mehr auf den Bodenbelag passten.

Sessel werden bereitgestellt, Fototcredit: Bildarchiv, ÖNB / Weber

Am Tag der Unterzeichnung war Schantl als Portier beim Südeingang eingeteilt und konnte die Ankunft der Außenminister miterleben. „die vier Signatarmächte […] fuhren in Abständen von je 7 Minuten auf. […] welch feierlicher Anblick es für uns, die wir diese eindrucksvolle Begebenheit miterleben durften, war.“, beschrieb Schantl das Ereignis, einige Jahre später.
Nach der Unterzeichnung beaufsichtigte er den Markatsaal des Belvederes, wo Sekt und Gebäck für die Festlichkeiten eingelagert waren. Nach der Feier, wollte Schantl einige Sektflaschen als Andenken mitnehmen, gestattet wurden ihm aber – auf Grund der Abrechnungsmodalitäten – nur einige Flaschenkorken. Auf die Idee aus den besagten Korken ein Modell des historischen Ereignisses zu machen, brachte Schantl der Maler Robert Fuchs, von dem das bekannte Monumentalgemälde zum Staatsvertrag stammt, das heute im Bundeskanzleramt hängt.

Zu dem Großereignis brachte der damals 42jährige Schantl auch seine Familie mit. Der Sohn Walter, wird sich später an die Autos der Besatzungsmächte erinnern, die ihn besonders beeindruckt hatten und an das Gewitter, das am Abend über die Stadt zog.

Begeistern und bewegt von dem historischen Ereignis begann Michael Schantl aus den mitgenommenen Sektkorken Köpfe der bei der Unterzeichnung anwesenden Politiker zu schnitzen. Die erste Figur sollte jene Leopold Figls sein. Noch heute fasziniert die detailgetreue Widergabe der beteiligten Politiker. Sie sind liebevoll gearbeitet und tragen signifikante Merkmale der Dargestellten. Figls buschige Augenbrauen, sein markanter Schnauzbart und die prominente Hornbrille zeichnen ihn als zentrale Figur des Modells aus. Ein Jahr arbeitet Schantl in akribischer Handarbeit an dem Ensemble. Der Sohn Walter durfte bei der Arbeit seines Vaters zusehen und erinnert sich noch heute anschaulich an die  Freude seines Vaters über diesen historischen Tag und den Enthusiasmus, der während der Fertigung des Modells auch auf den kleinen Buben übersprang.

Michael Schantl und Sohn Walter Schantel, um 1955
„Fragt´s den Schantl Senior, der weiß das!“

Die Ereignisse vom 15. Mai 1955 beeindrucken Michael Schantl so stark, dass er diesen Tag fort an zu seinem Hobby macht. Er sammelt Denkschriften, Briefmarken, Sonderstempel oder auch die Tischkarten der fünf Staaten, die von der Unterzeichnung erhalten geblieben sind und wurde nicht nur in seinem Heimatort ob der Teilhabe an dem historischen Ereignis bekannt.

In den 60er Jahren wurde das Staatsvertragsmodell zum ersten Mal öffentlich ausgestellt. Da es der Wunsch von Michael Schantl war, das Modell dauerhaft öffentlich zu zeigen, wurde dieses an die Julius Raab Stiftung übergeben wo es bis heute vom Karl von Vogelsang-Institut archivarisch betreut und aufbewahrt wird. Um es einer noch breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen, hat sich die Leitung des Instituts entschlossen, das Modell dem Haus der Geschichte Österreich für die Eröffnungsausstellung zur Verfügung zu stellen.

Ab  10. November 2018 wird das Sektkorkenmodell des Staatsvertrags in der Eröffnungsausstellung des Hauses der Geschichte Österreich zu sehen sein. Michael Schantl hätte sich sicher darüber gefreut.

Michael Schantl und Walter Schantl, Staatsvertragsmodell um 1955