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Heute im hdgö

(c) Lorenz Paulus / hdgö
Wien als Experimentierfeld des Antisemitismus
Adolf Eichmann hat in Österreich Karrieremöglichkeiten gesehen, die er in Berlin nicht gehabt hätte. Er entwickelte ab 1938 in Wien ein folgenschweres Modell der Beraubung und erzwungenen Auswanderung der jüdischen Bevölkerung, das ab 1941 zur Durchführung der Deportationen angewendet wurde. Eine Outdoor-Ausstellung am Heldenplatz untersucht nun die Rolle Wiens als Motor zur Radikalisierung des Antisemitismus.

Wien war die erste Großstadt, die im Frühjahr 1941 Deportationen von Jüdinnen und Juden durchgeführt hat, ab Oktober sollte dieses Modell dann im gesamten Deutschen Reich installiert werden. Wien galt als Experimentierfeld in Sachen Antisemitismus. Deshalb zog es Nationalsozialisten wie Adolf Eichmann nach Österreich, der 1938 die „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ eingerichtet hat, deren Ziel es war, die nationalsozialistische Vertreibungs- und Beraubungspolitik voranzutreiben.

 

Zum 80. Jahrestag der ersten reichsweiten Deportationstransporte im Oktober 1941 präsentiert das Haus der Geschichte Österreich (hdgö) in Kooperation mit der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und der Universität Wien die Outdoor-Ausstellung „Das Wiener Modell der Radikalisierung. Österreich und die Shoah“ (15. Oktober bis 10. Dezember) am Heldenplatz. 

 

„Die Gewaltbereitschaft war höher. Im Wien von Karl Lueger herrschte ein breiter populistischer Antisemitismus, den es in anderen Städten so nicht gegeben hat“, sagt die ÖAW-Historikerin Heidemarie Uhl, eine der Kuratorinnen der Ausstellung, im Gespräch.

 

Ein Interview mit Heidemarie Uhl:

 

Es ist nicht im allgemeinen Bewusstsein verankert, dass Wien eine Vorreiterrolle bei der Radikalisierung des Antisemitismus in der NS-Zeit gespielt hat. Wie kam es zu diesem Ansatz der Ausstellung?

 

Heidemarie Uhl: Das ist tatsächlich eine neue Perspektive. In der wissenschaftlichen Literatur kommt die Frage, warum Wien als erste Großstadt „judenrein“ sein wollte, nur sehr punktuell vor. In der Holocaust-Forschung gibt es gerade verstärkt einen Fokus auf die Mikro- und die Makroperspektive und deren Verhältnis zueinander. Also genau hinzuzoomen, was vor der eigenen Haustür passiert ist. Und dann zu fragen, wie das gesellschaftlich möglich gewesen ist. Wir können heute nur schwer begreifen, dass 130.000 Jüdinnen und Juden aus Wien vertrieben wurden, und dass mehr als 45.000, denen die Flucht nicht gelang, mitten im 2. Bezirk interniert und vom  Aspangbahnhof in die Ghettos, Vernichtungslager und Mordstätten deportiert und zum Großteil ermordet wurden. Was uns nachhaltig irritiert: Diese Verbrechen sind in unserer Gesellschaft passiert. Der Holocaust ist ja nicht auf einem anderen Stern passiert. Das muss im historischen Bewusstsein verankert werden.

 

Was bedeutet das konkret?

 

Uhl: Wir haben versucht, Erfahrungen und Lebensgeschichten der Verfolgten mit den Strategien der NS-Institutionen zu verzahnen, von denen die Deportationen durchgeführt wurden. Wir wollten die Frage stellen: Warum ausgerechnet Wien? Eine der Antworten ist: Die Gewaltbereitschaft war höher. Im Wien von Karl Lueger herrschte ein breiter populistischer Antisemitismus, den es in anderen Städten so nicht gegeben hat. Die jüdische Bevölkerung war nach dem „Anschluss“ 1938 Freiwild, man wusste, es wird keinen Widerstand gegen den NS-Terror geben.

 

Es wird gern behauptet, Adolf Hitler sei in Deutschland groß geworden. Ihre Ausstellung zeigt, dass Wien eine wichtige Rolle in der Radikalisierung des Antisemitismus gespielt hat. Wie passt das zusammen?

 

Uhl: Hitlers NSDAP hat in Deutschland 1933 die Demokratie ausgeschaltet und ein Terrorregime errichtet. Alle antisemitischen Maßnahmen, die im „Dritten Reich“ innerhalb von fünf Jahren sukzessive erlassen wurden, sind in Österreich nach dem „Anschluss“ mit einem Schlag wirksam geworden. Ab März 1938 ist Österreich zum Motor für die Verschärfung der antisemitischen Maßnahmen geworden. Ein Grund, warum das so schnell ging: Nach dem „Anschluss“ wurde der gesamte Behördenapparat der österreichischen Ständestaat-Diktatur ausgetauscht und mit Nationalsozialisten besetzt. Das gab es in Deutschland nach der Machtergreifung 1933 nicht in dieser Schnelligkeit. Im Frühjahr 1941 war Wien dann die erste Großstadt, die Deportationen nach jenem Muster durchgeführt hat, wie es ab Oktober dann im gesamten Deutschen Reich an der Tagesordnung stand. Hier wurde alles ausprobiert, die Sammellager, die Internierungen, die Züge mit jeweils tausend Menschen. Wien wurde zum Experimentierfeld.

 

Welche Rolle spielte Adolf Eichmann, der als Architekt der industriellen Menschenvernichtung gilt, in Österreich?

 

Uhl: Eichmann hat in Österreich Karrieremöglichkeiten gesehen, die er in Berlin in diesem Ausmaß nicht gehabt hätte. Es herrschte eine Art Goldgräberstimmung. Die Nazis aus Deutschland haben gesehen, was in Österreich alles möglich ist. Man konnte neue Formen behördlichen Terrors ausprobieren, wie die 1938 von Eichmann eingerichtete „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“. Es war Eichmanns Erfindung, die Israelitische Kultusgemeinde unter seine Kontrolle zu stellen und sie zu zwingen, die nationalsozialistische Vertreibungs- und Beraubungspolitik organisatorisch zu unterstützen. 

 

Wird auch Widerstand thematisiert?

 

Uhl: Man hat die Geschichte lange nur aus der Täterperspektive und mit den Täterquellen geschrieben. Die neuen Forschungsarbeiten zum Holocaust in Wien, von den Historiker/innen Michaela Raggam-Blesch, Dieter Hecht und Eleonore Lappin-Eppel, zeigen die Reaktionen der Menschen, die verfolgt wurden. Es ist wichtig zu fragen: Welche Handlungsspielräume hatten sie überhaupt? Die Kultusgemeinde hat versucht, so gut wie möglich zu reagieren, Suppenküchen, medizinische und Altersversorgung anzubieten. Aber sie konnte wenig ausrichten. Der Schriftsteller Doron Rabinovici hat dafür den Begriff „Instanzen der Ohnmacht“ geprägt.

 

 

AUF EINEN BLICK

 

Mehr zur Ausstellung finden Sie unter diesem Link.

 

„Das Wiener Modell der Radikalisierung. Österreich und die Shoah“: Die Outdoor-Ausstellung ist von 15. Oktober bis 10. Dezember 2021 auf dem Heldenplatz neben dem Äußeren Burgtor kostenfrei zu sehen. Kuratorinnen sind Michaela Raggam-Blesch, Heidemarie Uhl und Isolde Vogel. Die Ausstellung des Hauses der Geschichte Österreich ist in Kooperation mit dem Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) und dem Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien sowie dem Verein zur Förderung kulturwissenschaftlicher Forschungen entstanden.

 

Heidemarie Uhl ist Lehrbeauftragte an den Universitäten Wien und Graz und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Kulturwissenschaften und Theatergeschichte der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW).

 

9. November: Aktionstag gegen Antisemitismus mit Kuratorinnen-Führungen

Bildung ist die beste Prävention: Deshalb organisiert das hdgö den ersten „Aktionstag gegen Antisemitismus“ am 9. November 2021, dem Jahrestag der Pogromnacht. Für Interessierte werden um 9.00, 13.00 und 15.00 Kurzführungen mit den Kuratorinnen der Ausstellung am Heldenplatz angeboten, Anmeldung ist nicht notwendig. Weitere Themenführungen finden im Haus der Geschichte Österreich in der Neuen Burg statt. Für Schulklassen wird von 9-18 Uhr ein breites Programm an Führungen und Workshops angeboten, die unter vermittlung@hdgoe.at buchbar sind.

 

Die Ausstellung wird aus Mitteln des Bundeskanzleramtes (für die Outdoor-Ausstellung) sowie des Bundesministeriums für Europäische und internationale Angelegenheiten, des Bundesministeriums für Kunst, Kultur, öffentlicher Dienst und Sport, des Zukunftsfonds der Republik Österreich und des Nationalfonds der Republik Österreich für die Opfer des Nationalsozialismus und der Stadt Wien (für die Erstellung / Kuratierung) gefördert.

 

 

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